Stadtratsreise zum Thema Radverkehr in die Niederlande: Was machen die Holländer besser?

Ankunft Amsterdam Central. Die Portale des Bahnhofs Richtung Innenstadt verlassen, die erste Straße überqueren. Achtung! Horden von Radfahrern queren. Haben Sie dies als Tourist in Amsterdam auch schon erlebt?

Breite Radwege, das dreistöckige Fahrradparkhaus direkt am Bahnhof, diese Tausende von Hollandrädern, soviel kannte ich schon von meinen bisherigen Besuchen in Holland. Doch nun wollte ich gemeinsam mit meinen Kolleginnen und Kollegen aus dem Stadtrat (Kreisverwaltungsausschuss) und der Verwaltung das holländische Radverkehrsphänomen noch genauer unter die Lupe nehmen. In den drei Städten Amsterdam, Rotterdam und Utrecht informierten uns Verantwortliche aus Politik und Verwaltung über ihre Strategien zum Radverkehr, welche Maßnahmen Erfolge erzielten und welche Weiterentwicklungen sie sehen.

Dann stiegen wir selbst aufs Rad, um die umgesetzte Radverkehrspolitik am eigenen Leib zu erfahren. Insgesamt 100 km sind wir geradelt: Wir haben die Wirkung der grüne Welle über 12 Ampeln und diverse Grachten in Amsterdam getestet und sind durch das Tor des Rijksmuseums gefahren, haben einen Blick in die Ausstellungsräume und Rembrandtgemälde werfen können und haben uns „bedeutend“ gefühlt. Wir haben in Rotterdam den Fluss durch einen langen Tunnel unterquert und in Utrecht Kreisverkehrsanlagen mit Radspur oder gar ausschließlich für den Radverkehr abgefahren.

Neu für mich waren einige Argumente der Städte, warum sie den für uns enorm hohen Radverkehrsanteil noch weiter steigern wollen (Amsterdam 30 %, Rotterdam 19 %, Utrecht 34%). Die erste Antwort in Amsterdam war: „Wir machen das für unsere Autofahrer!“ Da war ich zuerst sprachlos, aber der Umstieg eines Autofahrers aufs Rad macht natürlich Platz frei, Platz für einen reibungslosen und staufreien Autoverkehr. Außerdem wurden immer wieder auch wirtschaftliche Gründe angeführt. Radinfrastruktur ist um Vieles billiger als Investitionen in Straßen und Tunnel, ja selbst in den öffentlichen Nahverkehr. Amsterdam sparte 20 Millionen Euro durch Vermeidung von Stau und 50 Millionen durch eine geringere Luftverschmutzung ein. Weitere 20 Millionen Euro weniger mussten in den ÖPNV investiert werden, da ÖPNV Nutzer aufs Rad umstiegen.

Eine Kosten-/Nutzenanalyse stellt selbst einer Radbrücke für durchschnittlich 700 Radler am Tag eine positive Bilanz aus. Immobilienpreissteigerungen in Fahrradstraßen und höhere Umsätze von anliegenden Geschäften erweitern noch den Kreis der finanziellen Nutznießer.

Aber wie kommt es, dass die Holländer so viel und so oft Radfahren? Wie kommt es, dass die Personen, die wir getroffen haben, selten ein Auto dafür aber 2 bis 6 Räder pro Person besitzen? Dazu muss man in der Geschichte zurückgehen bis zum Jahr 1973 als die Kampagne „Stop de Kindermoord“ den Weiterbau der autogerechten Stadt stoppte. 500 tote Kinder pro Jahr im Straßenverkehr, diesen Tribut wollte die holländische Gesellschaft dem Auto nicht mehr zollen, große Demonstrationen und Rad-Demos veränderten die Stadtplanung. Seitdem nimmt die Radnutzung stetig zu und die Infrastrukturmaßnahmen werden immer weiter an die steigenden Zahlen und neue Bedürfnisse angepasst. In Amsterdam wird die Verkehrsplanung nach Routen für Autos oder Routen für Radfahrer eingeteilt und dann für die jeweilige Zielgruppe optimiert. Sowohl Spiegel an den Ampeln für LKW-Fahrer zum Überblicken des toten Winkels, als auch wetterabhängige Ampelschaltungen, also doppelte Grünphase für Radler bei Regen, sind moderne, weitere Projekte.

In Rotterdam hingegen ist der Radverkehr erst langsam auf dem Vormarsch. Die Stadt mit viel Industrie und dem größten Hafen Europas hat ein Straßennetz mit breiten Straßen. Aber auch hier sieht man den Vorteil des Radverkehrs in einer Steigerung der Lebens- und Aufenthaltsqualität, in geringerer Luftverschmutzung, geringerem Lärm und der Gesundheitsförderung der Bevölkerung. Die Stadtgesellschaft wurde aufgefordert, Wünsche und Ideen einzureichen. Vielleicht der witzigste unter den 500 Vorschlägen: Ein Applausometer für alle Radfahrer, die den Anstieg auf der längsten Brücke in Rotterdam geschafft haben.

Beeindruckend war der neu gestaltete Bahnhof und sein Untergeschoss für das Parken von Fahrrädern. 5.190 Räder finden dort in einer sauberen, geordneten und gekennzeichneten Umgebung Platz. Der Aufgang direkt zu den Gleisen verschafft diesem modernen Fahrradparkhaus Akzeptanz: Schneller geht es nicht, wenn man am Morgen zum Bahnhof und in den Zug umsteigen will.

Hatten wir uns nach zwei Tagen schon an den geringen Verkehrslärm, an breite Radwege, die das Nebeneinander-Fahren ermöglichen und an die schönen Routen oft im Grünen gewöhnt, legte Utrecht und insbesondere der kleine Vorort Houten noch „eins drauf“. In Utrecht wird derzeit eine sechsspurige Stadtautobahn abgebaut, statt dessen ist ein neuer Kanal mit beidseitigen Radwegen geplant. Abbau einer sechsspurigen Straße – unglaublich, aber ich habe es mit eigenen Augen gesehen.

Houten ist ein Vorort, der nur mit dem Fahrrad oder zu Fuß zu durchqueren ist. Autos können die Stadt umrunden und von außen in verkehrsberuhigten Straßen an den Zielort einfahren. Mit einem Teich, badenden Kindern, einem Gemeindeplatz mit Beachvolleyballfeld mutete der Ort fast wie eine Urlaubssiedlung an. Zwei Bahnhöfe erschließen den Ort, in 8 Minuten Fahrtzeit und das jede Viertelstunde kommt man mit dem Zug nach Utrecht, da gibt es kaum mehr einen Grund, mit dem Auto zu fahren.

Was bleibt an Eindrücken? Was davon lässt sich in München umsetzen oder anpassen? Mutige Investitionen in die Radinfrastruktur lohnen sich, motivieren die Bürger zum Umsteigen und rechnen sich auch noch finanziell, das war meine wichtigste Erkenntnis. Auch Radfahrer wollen schnell vorankommen, schöne Wege fahren und ihr Rad sicher und zentral abstellen können. Ich bin überzeugt, wenn wir nur einige dieser holländischen Erfahrungen in unserer Stadt umsetzen können, werden wir noch Viele begeistern können, aufs Rad umzusteigen, damit sie die Straßen entlasten, mehr Fahrradklingeln hören und weniger Autolärm und München noch lebenswerter gestalten.

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Mitglieder des Kreisverwaltungsausschusses auf der Radexkursion in Amsterdam (v.l. in der ersten Reihe: Hr. Danner, Fr. Pfeiler, Hr. Kuffer; dahinter Hr. Dr. Dietrich, Fr. Demirel, Fr. Krieger, Hr. Schall, Hr. Ranft, Hr. Vorländer)

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Holland hat noch einen weiteren Verkehrsträger in der Planung zu berücksichtigen. Neben Straßen, Rad- und Fußwegen werden auch die Kanäle befahren. Die Organisation von Schnittstellen, Kreuzungen wird noch komplexer, hier eine Brücke in Rotterdam.